Entwurf IV FS19
Small Pleasures of Life

Im Frühlingssemesters widmen wir uns dem Thema des städtischen Wohnhauses in Zürich. Das Gebiet um die Badenerstrasse zwischen der Wohnsiedlung Lochergut und dem Stadion Letzigrund wird zu einem Grossteil vom Blockrand beherrscht und scheint auf den ersten Blick beinahe fertig gebaut. Bei genauerem Hinsehen bietet es jedoch verschiedenste Orte mit unterschiedlichsten Qualitäten, an welchen sich über eine weitere Verdichtung nachdenken lässt.

Die Zersiedlung ist in aller Munde, und während sich über die richtige Vorgehensweise an den Rändern der Siedlungsgebiete und in den Agglomerationen eine rege Debatte entwickelt hat, herrscht bezüglich des Kernstädte weitgehend Einigkeit: Ziel ist eine massvolle innere Verdichtung. Dabei stehen vom Umbau über die Aufstockung bis zum Ersatzneubau unterschiedliche Vorgehensweisen zur Auswahl. Wir konzentrieren uns auf letztere und entwerfen Neubauten auf unternutzten Parzellen mit wesentlichen Ausnützungsreserven.

Wir wollen den Beweis antreten, dass architektonischer Reichtum beengte Platzverhältnisse vergessen machen kann. Im Sinne eines Beitrags zur inneren Verdichtung der Stadt erarbeiten wir knappe Grundrisslösungen mit möglichst grosser räumlicher Qualität. Damit erforschen wir Alternativen zur heutigen Tendenz, Ersatzneubauten mit deutlich vergrössertem Gebäudevolumen zu realisieren, welche nur einen geringen Zuwachs der Bewohnerzahl ermöglichen. Dieser Herausforderung stellen wir uns durch das erfinderische Entwickeln räumlich überraschender Lösungen.

Bereits Adolf Loos konnte in seinen Bauten in der Wiener Werkbundsiedlung belegen, dass seine Idee des Raumplans als eine eigentliche Ökonomie des Raums funktioniert, indem sie innerhalb der beengten Platzverhältnisse eines Arbeiterhauses eine unerwartete Grosszügigkeit ermöglicht. Noch viel eindrücklicher tritt Le Corbusier in seinen Unités d’habitation die Beweisführung an, dass ein Wohnbau mit einer kaum für möglich gehaltenen Dichte durch die Kombination eines tragfähigen Konzepts mit gezielten architektonischen Massnahmen im Detail zum architektonischen Meisterstück entwickelt werden kann.

Small Pleasures of Life
Alison und Peter Smithson haben sich eingehend mit der Weiterentwicklung tradierter Wohnvorstellungen auseinandergesetzt. Ihre Skizzenreihe „Small Pleasures of Life“ zeigt eine stark subjektiv geprägte, episodenhafte Wahrnehmung spezifischer Qualitäten des Wohnalltags. Die Zeichnungen beleuchten funktionale Themen, regen aber gleichzeitig die Sinne an und lassen Raum, um sich das „Dazwischen“ auszumalen.

Exakt auf diese Weise wollen wir uns an die Entwurfsaufgabe eines städtischen Wohnhauses annähern. Zunächst erarbeiten Sie sich durch den Besuch von Referenzbauten, exaktes Beobachten sowie das Studium von Textauszügen einen Wissensschatz über unterschiedlichste Elemente einer Wohnsituation – von der Küche über die Treppe bis zum Stauraum. Darauf aufbauend entwickeln Sie eine Wohnidee und entwerfen einen idealen Wohnungsgrundriss, in welchem die eingangs studierten Situationen eine tragende Rolle spielen.

Durch die Wahl des geeigneten Bauplatzes im Quartier verorten Sie Ihre Wohnung und passen sie an die Gegebenheiten des Ortes an. Sie lernen dabei Grundsätze über Grundrisstypologien, Bautiefen, Orientierung und den Bezug zum Aussenraum kennen und entwickeln Ihre Wohnidee mit diesem Wissen zum Geschossgrundriss weiter. Aus Ihrer Grundrissfigur leiten Sie die Bauweise für Ihr Projekt ab:

[...] Der architekt hat etwa die aufgabe, einen warmen, wohnlichen raum herzustellen. Warm und wohnlich sind teppiche. Er beschließt daher, einen teppich auf den fußboden auszubreiten und vier aufzuhängen, welche die vier wände bilden sollen. Aber aus teppichen kann man kein haus bauen. Sowohl der fußteppich wie der wandteppich erfordern ein konstruktives gerüst, das sie in der richtigen lage erhält. Dieses gerüst zu erfinden, ist die zweite aufgabe des architekten. [...] (Adolf Loos, „Das Prinzip der Bekleidung“, 1898)

Mit Ihrem Gebäudevolumen bauen Sie weiter am Stadtkörper und hinterfragen gegebenenfalls die vorgegebene Ordnung. Die inhärenten Bedingungen der jeweiligen Bauweise und die Parameter des Ortes bilden den Rahmen für den Entwurf einer zeitgemässen städtischen Fassade.

Im Laufe des Semesters entwickeln Sie eine spezifische Wohnform für Stadtwohnungen, welche durch unterschiedlichste Nutzer bewohnt werden können. Ihre Entwürfe verankern Sie im Stadtraum sowohl über eine Auseinandersetzung mit der Fassade und dem privaten Aussenraum als auch über den Entwurf einer Erschliessungsfigur vom Aussenraum bis zur Wohnung.

Werkzeuge und Darstellungsmittel
Als massgebendes Entwurfsinstrument arbeiten Sie mit Modellen im Massstab 1:20. Dabei werden Sie von der Materialbibliothek unterstützt. Die optischen und haptischen Eigenschaften der eingesetzten Materialien bestimmen die atmosphärische Qualität der Wohnung. Das konstruktive Wissen über Fügung und Eigenschaften der Materialien erlaubt Ihnen deren Gestaltungsspielraum auszuloten. Ziel ist die grösstmögliche Kohärenz zwischen Struktur, Raum und Materialisierung. Dazu Loos weiter:

„[...] Ein jedes material hat seine eigene formensprache, und keines kann die formen eines anderen materials für sich in anspruch nehmen. Denn die formen haben sich aus der verwendbarkeit und herstellungsweise eines jeden materials gebildet, sie sind mit dem material und durch das material geworden. Kein material gestattet einen eingriff in seinen formenkreis. Wer einen solchen eingriff dennoch wagt, den brandmarkt die welt als fälscher. Die kunst hat aber mit fälschung, mit lüge nichts zu tun. Ihre wege sind zwar dornenvoll, aber rein. [...]“

Nebst der sorgfältigen Plandarstellung im Massstab 1:50, welcher wir uns im Lauf des Semesters eingehend widmen, bilden Sie die räumlichen Aspekte Ihres Projektes in digital bearbeiteten Modellfotografien ab, dabei werden Sie von Fotografen begleitet und angeleitet. Die Zusammenarbeit in Zweiergruppen ermöglicht die notwendige Bearbeitungstiefe.



Besichtigungen Di, 19.02.
Am ersten Tag des Semesters besichtigen wir in Gruppen 6 Wohnbauten aus unterschiedlichen Epochen. Stellen Sie sicher, dass Sie bereits zum Einstieg Zeichenutensilien und Messwerkzeug (Doppelmeter) mitbringen. Einen kurzen Input zu Referenzmassen bei der Aufnahme erhalten Sie im Rahmen der Semestereinführung.

Definitive Einschreibung in das Studio
Finden Sie sich zu Kursbeginn um 10.00 Uhr im Zeichensaal HIL F61 ein. Die definitive Einschreibung in die Studios erfolgt direkt bei den Professuren. Es wird grundsätzlich von einem Verbleib bei der gewählten Professur ausgegangen. Es wird eine ausgeglichene Verteilung der Studierenden angestrebt.



Gliederung und Kritiken
Das Semester ist in drei Teile gegliedert, welche jeweils mit einer Kritik abgeschlossen werden.

Block I: Wohnung + Bauteil
Im Zentrum des ersten Übungsblocks steht die Wohnung als solche. In einzelnen Übungsschritten findet eine Annäherung an eine ideale Wohnsituation statt, welche in Grundriss- und Schnittcollagen sowie im Modell im Massstab 1:20 dargestellt wird.

Block II: Haus + Struktur
Den Auftakt in den zweiten Übungsblock bildet die weitere Bearbeitung der Wohnbau-Datenbank. Im intensiven zweiten Block werden im Hinblick auf die 2. Zwischenkritik zahlreiche Themen angeschnitten, welche bis zum Semesterende weiterentwickelt werden (Gebäudevolumetrie, Regelgeschoss und Erschliessung, Struktur, Fassade). Die Bearbeitung der Themen erfolgt ohne einzelne Übungsschritte.

Block III: Materialisierung + Detail
Der 3. Übungsblock fokussiert auf die Bearbeitung der Projekte im Detail. Im Zentrum steht ein Schnittmodell im Massstab 1:20 sowie die Ausarbeitung zweier Leitdetails. Am Anfang steht ein Besuch in der Materialbibliothek. Im Block III findet zusätzlich eine Zwischenbesprechung statt.

Für die Angaben zu Anforderungen und Abgabeumfang der Kritiken beachten Sie bitte die einzelnen Aufgabenbeschriebe.

Entwurf IV FS19. Small Pleasures of Life