Entwurf III HS18
Was fehlt? Was ist zuviel?

Weiterbauen
Die ersten Schriften in der Geschichte wurden als Palimpsest auf Pergament geschrieben. Palin: „wieder“ und psaein: „abschaben“ – die Texte wurden immer wieder ausradiert und überschrieben, denn Schreibmaterial war kostbar. Ähnliches passiert in der Architektur: Der Bestand wird zunehmend grösser, die Ressource Land immer knapper. Das Umdeuten von bestehenden Strukturen beschreibt künftig eine der Hauptaufgaben des Architekten. Darauf lassen wir uns ein. Dabei sollen die Bestandsbauten die Spuren legen und als Grundlage für etwas Neues dienen. Gerade überraschende Neuerungen sind oft auf den „Fundamenten“ von anderen Bauten oder durch Nutzungsänderungen bekannter Bauformen entstanden.

Der Zürcher Sunset Boulevard
Die Badenerstrasse ist eine der ältesten Wegverbindungen und die längste Strasse Zürichs, sie führt vom Stauffacher bis über Altstetten hinaus an die Stadtgrenze und unter Namensänderungen schliesslich bis nach Baden. Die zürcherische Variante des Sunset Boulevard – an schönen Abenden steht die Sonne genau in der Strassenflucht – ist auch Zürichs ‚automobile row’. Hier wurde die erste Autofabrik gebaut, hier fanden sich die Filialen sämtlicher grossen Automarken, und bis zur nächsten Tankstelle was es nie mehr als ein paar Fahrminuten weit. Noch heute sind viele Autozulieferer und Garagen angesiedelt und prägen das Strassenbild, zusammen mit Genossenschaftssiedlungen, Fussball, Kleingewerbe und Grossbaustellen. Dennoch ist ein Verdrängungsprozess spürbar, grosse Autobetriebe sind in die Peripherie abgewandert und haben Lücken und Brachen hinterlassen, welche den Massstab des Wohnquartiers sprengen und grosszügig Platz bieten für neue Nutzungen. Vom Denken in grossem Massstab zeugen auch einige Wohnbauten. Im Letzigrund wurden die ersten Hochhäuser Zürichs gebaut und das Lochergut am Anfang unseres Strassenabschnitts war ein Pionier im Zürcher Wohnungsbau.

Was fehlt? Was ist zu viel?
Im Gebiet rund um die Badenerstrasse ist in naher Zukunft mit grossem Investitionsdruck zu rechnen. Die Überbauung auf dem Schlotterbeck-Areal ist nur ein erster Schritt, weitere werden ihm folgen. Hier also greifen wir ein und stellen uns die Frage: Was fehlt? Was ist zu viel? An vier Standorten entlang der Badenerstrasse stellen wir bestehende Bauten zur Disposition. Sie erkunden den Ort, analysieren die Bauten und diskutieren Ihre Erkenntnisse und Ideen mit Experten aus anderen Disziplinen. Daraus entwickeln wir gemeinsam für jeden Standort ein passendes und zukunftstaugliches Nutzungskonzept. Die Fragen heissen: Mit welchen Strategien dem hohen Investitionsdruck begegnen? Was für Nutzungen können die Zukunft des Quartiers positiv beeinflussen? Wie können einzelne Bauten Impulse setzen? Wie muss das Erdgeschoss beschaffen sein, um den öffentlichen Raum zu bereichern? Dabei liegt ein besonderes Augenmerk auf den Schwellen- und Zwischenräumen am Übergang zwischen öffentlich und privat. Auf die Nutzungsidee abgestimmte Referenzbauten helfen, Ihre Argumente und den Blick auf das eigene Projekt zu schärfen, und begleiten Sie durch das Semester.

Räume neu denken
Sich die Aufgabe selber zu stellen wird dem Architekten nur selten erlaubt, er soll vielmehr für das gegebene Raumprogramm eine schöne Hülle planen. Genau hier setzen wir an. Sie erarbeiten sich das Nutzungskonzept ebenso wie das Raumprogramm selber. Nur Architekten, die Fragen stellen und fähig sind, sich in Planungsfragen einzumischen, werden unseren Beruf in der Zukunft davor bewahren, mehr als nur das das letzte Glied in einer langen Kette zu sein und sich mit der Gestaltung schöner Objekte zu begnügen – obgleich auch das selbstverständlich zu unserem Metier gehört. Ein gutes Projekt ist aber mehr als nur die Lösung einer gestellten Aufgabe, es kann Impulse geben und Veränderungen anstossen.

Linie und Modell
Das Werkzeug beeinflusst den Entwurfsprozess. Im Laufe des Kurses werden Sie mit unterschiedlichsten Entwurfsinstrumenten vertraut gemacht und operieren gezielt mit verschiedenen Zeichentechniken und Darstellungsmitteln. Ein schöner Plan ist mehr als nur ein Mittel der Verständigung, in ihm ist alles angelegt, er ist die Handschrift des Architekten. Wir werden uns intensiv mit Zeichentechnik, Modellbau und Fotografie beschäftigen.

Jahreskurs – Ausblick FS19
Sind im 3. Semester der grössere Massstab der Stadt, der Umgang mit bestehenden Strukturen und das Verfassen eines Raumprogramms die wesentlichen Themen, so drehen wir die Perspektive im 4. Semester um und lernen das Stück Stadt um die Badenerstrasse aus einem ganz anderen Blickwinkel kennen. Sie nutzen Ihre im Herbstsemester erworbenen Erkenntnisse und bestimmen den Bauplatz für ein städtisches Wohnhaus selber. Mit der örtlichen Situation bereits vertraut, können Sie sogleich in die spezifische Thematik des Wohnens eintauchen und sich mit Innenraum und Fassade, mit Materialität, Atmosphäre und mit dem Detail befassen. Dabei vertiefen Sie Ihr Wissen über das Wohnen aus dem ersten Jahreskurs. Über den gesamten Jahreskurs hinweg gesehen behandeln Sie ein Thema von grösster Aktualität, indem Sie die innere Verdichtung der bestehenden Stadt von unterschiedlichen Standpunkten aus betrachten. Wir spannen dabei einen Bogen vom Massstab 1:1000 bis 1:10, von der Struktur zum Detail, von der öffentlichen Nutzung zum Wohnungsbau. Die offene Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Nutzungen und die Wahl eines eigenen Bauplatzes erlauben Ihnen, Ihr Studium auch durch Ihre persönlichen Interessen zu prägen.

Professorin: Annette Spiro
Assistierende: Rosário Gonçalves, Daan Koch, Daniel Penzis, Sofia Pimentel, Florian Schrott, Norbert Zambelli

Einführung: Dienstag, 18.09.2018, 10 Uhr, Seminarzone HIL F61
Kontakt: Florian Schrott, schrott@arch.ethz.ch

Entwurf III HS18. Was fehlt? Was ist zuviel?